Nach dem Totalausfall des deutschlandweiten Bahnverkehrs in der Nacht zum 24. Juni gerät die Bahn-Tochter DB Systel in den Fokus der Kritik.
Wie das »Handelsblatt« berichtet, ist das Frankfurter Unternehmen, das zuletzt schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro mit IT-Leistungen für die Deutsche Bahn (DB) umsetzte, nach Einschätzungen von Insidern verantwortlich für den bundesweiten Ausfall des Zugverkehrs.
In der Zeit zwischen 22.30 Uhr und 0.30 Uhr waren Zehntausende Fahrgäste von ICEs, Regional- und S-Bahnen auf deutschen Bahnhöfen gestrandet, weil die in die Jahre gekommene Zugfunktechnik GSM-R versagte. Auch der Güterverkehr stand still. Die aus den 90er-Jahren stammende Technik ist verantwortlich für die Kommunikation zwischen Lokführern und Fahrdienstleitern.
Erst nach zwei Stunden setzten sich die ersten Züge in Bewegung, nachdem die DB auf eine Ersatztechnik umgeschaltet hatte. Schon 2022 war es in Norddeutschland durch das Versagen der GSM-Technik zu einem stundenlangen Stillstand im Bahnverkehr gekommen, berichtet die Handelsblatt.
»Ursächlich für die gestrige Störung des digitalen Bahnfunks GSM-R war aus derzeitiger Sicht der planmäßige Tausch einer technischen Komponente«, sagte Philipp Nagl, Vorstandsvorsitzender der Infrastrukturgesellschaft DB InfraGO. »Wie es dadurch genau zu der Störung kam, analysieren wir nun mit höchster Priorität«, sagte er laut der Zeitung.
Die IT-Tochter der DB sorgte bereits im vergangenen Jahr bei der DB für negative Schlagzeilen. Ende November 2025 misslang ein Softwareupdate für das neue Elektronische Stellwerk (ESTW) »Köln Hauptbahnhof«. Anschließend habe der Knotenpunkt Monate später zum zweiten Mal gesperrt werden müssen. Auch Heidelberg sei wegen Softwareproblemen tageweise vom Zugverkehr abgeschnitten gewesen.
»IT-Berater berichten uns, dass bei Systel chaotische Strukturen vorherrschen«, sagte Bahnexperte Christian Böttger, Professor an der Hochschule für Technik und Wissenschaft Berlin (HTW), dem Handelsblatt. »Die dortigen Pannen werden auf der nächsten Aufsichtsratssitzung sicher zum Thema«. Schon seit Längerem sei geplant, Systel in die Konzernholding einzugliedern.
Die IT-Tochter wurde noch bis vor einem Jahr von Evelyn Palla als Aufsichtsratschefin kontrolliert, rekapituliert das Handelsblatt. Kurz vor Pallas Wechsel an die DB-Spitze übernahm IT-Vorständin Daniela Gerd tom Markotten die Oberaufsicht. Sie verließ die Deutsche Bahn zum Jahresende 2025 vorzeitig.
Beim Austausch der veralteten Funktechnik GSM-R fehle es seit Langem an Tempo. 2035 soll GSM-R nach dem Willen der EU aus dem Zugverkehr verbannt werden, ab 2030 gebe es voraussichtlich keine Updates mehr. Währenddessen stehe die Nachfolgetechnik 5G längst bereit.
Laut Böttger sei es aber aufwendig, die Technik zu migrieren. So müssten allein in Deutschland rund 500 Stellwerke und 10.000 Loks mit dem neuen Mobilfunkstandard ausgerüstet werden.
Das Bundesverkehrsministerium (BMV) sehe durch den Ausfall des Zugverkehrs keine Versäumnisse hinsichtlich der Modernisierung, so das Handelsblatt. »Der Bundesverkehrsminister hat das Thema Resilienz im Bahnverkehr von Anfang an auf die Tagesordnung gesetzt«, heißt es. Schnieder begleite mit seinem Haus den Prozess, die Digitalisierung der Schiene voranzutreiben und auch einen modernen Digitalfunk auf der künftigen 5G-Basis »infrastruktur- und fahrzeugseitig einzuführen«. Auch alle für den Erhalt des heutigen Bahnfunksystems GSM-R erforderlichen Mittel würden durch den Bund über die Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung III der DB InfraGo bereitgestellt. Die nötigen Ersatzinvestitionen würden aus dem Bestandnetztitel des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaschutz finanziert.
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