15.10.2020

Von: Thomas Burgert

Morgendliches Stoßgebet

Als das »Morgengebet des modernen Menschen« hat ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts einmal die morgendliche Zeitungslektüre bezeichnet. Egal, ob man seine Zeitung derzeit in der Frühe in Papierform oder digital zur Hand nimmt, ein Stoßgebet im Anschluss wäre meist nicht das Schlechteste.



Wenn ich die Zeitung aufschlage, grinst mir nahezu jeden Morgen – und das seit Wochen – der amtierende US-Präsident dem Leibhaftigen gleich entgegen und inzwischen wundere ich mich, dass mir Trump nicht auch noch nachts im Traum begegnet, so allgegenwärtig ist er. Ob die Berichterstattung hier tatsächlich so sein muss, sei einmal dahingestellt, ich denke eher nicht. Aber beim Weiterlesen wird es nicht besser. Speziell seit einigen Wochen häufen sich die schlechten Nachrichten enorm – steigende Infektionszahlen, weitere in- und ausländische Risikogebiete, die Tourismuswirtschaft am Boden, abgesagte Veranstaltungen, die Politik reiht ein Krisentreffen an das nächste und im ÖPNV beschert uns Verdi nahezu täglich einen neuen Warnstreik, die allesamt längst schon niemand mehr nachvollziehen kann.

Für die Verkehrsunternehmen ist das Jahr eine Katastrophe, der Begriff, ist hier sicher nicht übertrieben. Und Lichtblicke sind selten. Einer ist die Rechtsänderung für die deutsche Kleinbeihilfenrichtlinie, dank der nun mehr Unternehmen nichtrückzahlbare Zuschüsse statt rückzahlbarer Kredite in Anspruch nehmen können, ein anderer, dass die Verkehrsminister den ÖPNV-Rettungsschirm wohl auch 2021 fortführen wollen. Hier drängen die Länder den Bund dazu, die für 2020 einmalig erhöhten Regionalisierungsmittel dauerhaft aufzustocken. Das erweckt den Eindruck, dass sie sich darauf verlassen, dass es in Sachen Finanzen der Bund dauerhaft richten soll. Es braucht nicht viel Phantasie, um hier einen neuen Streit um Geld vorherzusagen. Auch Beten hilft da wohl nicht.

Thomas Burgert


Kategorie: Editorial