15.09.2020

Von: Thomas Burgert

MOBILFUNKSTANDARD 5G SOLL ÖPNV VERBESSERN

REUTLINGEN: Busse ohne Fahrer dank 5G

Der 5G-Mobilfunkstandard könnte die Kosten des öffentlichen Nahverkehrs gerade in ländlichen Regionen deutlich reduzieren, indem Busse ferngesteuert fahren.


Der ÖPNV könnte mit Projekten wie in Reutlingen zum Ankernutzer von 5G auf dem Land werden. (Symbolfoto: ZF Friedrichshafen)

Der ÖPNV könnte mit Projekten wie in Reutlingen zum Ankernutzer von 5G auf dem Land werden. (Symbolfoto: ZF Friedrichshafen)


Die ESB Business School der Hochschule Reutlingen hat ein Konzept erarbeitet, in dem gezeigt werden soll, wie der ÖPNV vor allem in ländlichen Regionen mit Hilfe des Mobilfunkstandards 5G besser und günstiger werden kann. Auftraggeber sind die Landkreise Reutlingen (Federführung), Sigmaringen und Zollernalbkreis sowie die Stadt Reutlingen. »Integrierte vernetzte Verkehrssysteme und innovative Mobilitätskonzepte sind notwendig, um den ÖPNV zukunftssicher aufzustellen«, sagte Thomas Reumann, Landrat des Kreises Reutlingen, als er das vom Bundesverkehrsministerium (BMVI) geförderte Konzept entgegennahm.

Die 5G-Technik ermögliche den sicheren Betrieb autonom fahrender Busse, so das Ergebnis der Untersuchung. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen erlauben bisher noch keinen vollständig autonomen Verkehr, weshalb derzeit immer ein Fahrer im Fahrzeug ist, der im Bedarfsfall sofort eingreifen kann. Wolfgang Echelmeyer, Professor für Materialfluss/Logistik an der ESB Business School, der das Konzept mit seinem Team erarbeitet hat, bezeichnete den 5G-Mobilfunkstandard als eine »Schlüsseltechnologie, wenn es darum geht, die Kosten des öffentlichen Nahverkehrs gerade in ländlichen Regionen deutlich zu reduzieren und gleichzeitig seine Attraktivität zu steigern«. Echelmeyer hält es für möglich, dass dank 5G-Technik Busse auch ohne Fahrer unterwegs sein können.

Die Busse fahren dabei in der Regel computergesteuert und werden von einer Person überwacht, die nicht im Bus, sondern in einer Steuerungszentrale sitzt und dort für mehrere Busse zuständig ist. Dieser sogenannte Operator oder Disponent kann das Fahrzeug jederzeit stoppen und alternative Routen eingeben. »Wenn es gesetzlich erlaubt wird, kann er die Fahrzeuge sogar direkt steuern.« Denn bei der 5G-Mobilfunktechnik sei die Schnelligkeit und die Menge der Daten so groß, dass jederzeit eine sichere Daten- und Bildübertragung ohne spürbare Verzögerung und damit eine Steuerung in Echtzeit möglich ist.

Die 5G-Nutzung für den ÖPNV hat laut Echelmeyer einen zusätzlichen Effekt. »Der ÖPNV wird damit zum Ankernutzer von 5G auf dem Land. Das bedeutet: Es lohnt sich für die Mobilfunk-Anbieter, auch auf dem Land die entsprechende 5G-Infrastruktur bereitzustellen. Und damit erhalten Firmen wie Privatpersonen dort endlich jenen leistungsstarken Zugang zum Internet, der bisher in vielen Regionen immer noch fehlt.«

Im nächsten Schritt soll das erstellte Konzept beim BMVI in dessen 5G-Innovationsprogramm eingereicht werden. Sofern das Projekt in Reutlingen umgesetzt werden kann, sind drei verschiedene Phasen vorgeplant. In einer ersten Projektphase sind technische Tests in einem Industrie- und Gewerbepark in Reutlingen vorgesehen. In der zweiten Projektphase soll die Outlet-City in Metzingen über Shuttle-Busse einerseits mit den Parkplätzen vor der Stadt verbunden werden, andererseits auch mit dem Metzinger Bahnhof.

Aufbauend auf diesen Erfahrungen sind in einer dritten Projektphase Machbarkeitsstudien für weitere Shuttle-Verkehre angedacht. Einer zwischen dem Burgparkplatz und der Burg Hohenzollern, ein zweiter in Mehrstetten auf der Schwäbischen Alb, wo ein neuer Bahnhalt mit dem Ortskern verbunden werden soll, und ein dritter und vierter in Balingen und Bad Urach, wo unter anderem jeweils die Gäste der 2023 und 2027 geplanten Landesgartenschauen befördert werden sollen. »Sollten wir den Zuschlag erhalten, könnte die Umsetzung des Konzepts im Frühjahr 2021 starten«, hofft Landrat Thomas Reumann. Das Projekt ist bisher auf eine Gesamtlaufzeit von drei Jahren ausgelegt.


Kategorie: Technik, Top-News