Prügelknabe

Es gibt sicher dankbarere Jobs als den des Bahnchefs. Umso mutiger war es von DB-Chef Richard Lutz, an der Talkrunde im ARD-Magazin »Hart aber fair« mit dem Thema »Klimaretter oder Nervenkiller - was kann die Deutsche Bahn?« am Montagabend teilzunehmen.



Beim Lob für den Mut der Teilnahme blieb es auch zumeist in der kommentierenden Presse. Ansonsten versuchte der Bahnchef die Probleme »wegzulächeln« und konnte keine wirkliche Erklärung für die aktuellen Probleme liefern, sondern beschränkte sich auf Verweise, dass es mit Rekordinvestitionen besser werden soll.

Ebenfalls mit von der Partie waren Niedersachsens Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) und Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag. Als Vertreter einer möglichen künftigen Koalition auf Bundesebene scherzhaft vom Moderator Frank Plasberg als Lutz` mögliche künftige Chefs bezeichnet, wurden beide nicht so recht warm miteinander, wenn es um die Bahnpolitik ging. Beide waren nicht im Koalitions-, sondern im Oppositions-Modus.

Und auch deren Perspektiven gingen auseinander. Während Hofreiter auf Verfehlungen vergangener Bahnpolitik herumritt, richtete Althusmann den Blick auf die Zukunft. Die bestehenden Probleme konnte auch Richard Lutz nicht leugnen, konzentrierte sich jedoch ebenfalls auf die in jüngerer Vergangenheit angestoßenen Offensiven für mehr Kapazität, besseren Grünschnitt, neuere Fahrzeuge und ein besseres IT-System. Immerhin hat die Bundesregierung die Zeichen der Zeit (hoffentlich wirklich) erkannt und will mehr in die Schiene investieren, damit die vom Moderator angesprochenen »Taschenspielertricks« nicht mehr nötig sind. Ausgefallene Fernverkehrszüge zählen nämlich nicht in der 6-Minuten-Pünktlichkeitsstatistik von derzeit rund 75 Prozent pünktlichen Zügen.

In der Tat sollte man den Blick nach vorne richten. Für die Rechtfertigung Lutz`, dass man einen ausgefallenen Zug nicht nach seiner Pünktlichkeit bewerten kann, musste sich der Bahnchef dann allerdings doch fast eine Schelle vom Moderator abholen – es gibt sicher dankbarere Jobs als den des Bahnchefs.

Sebastian Glinski


Kategorie: Editorial