12.08.2019

Von: Thomas Burgert

Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Die Deutsche Bahn investiert in ein Start-up-Unternehmen, das Echtzeitinformationen über Verkehrsströme liefern kann. Ein Hintergrund dieses Engagements ist das Ziel der Bahn, bis zum Jahr 2030 die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr zu verdoppeln. Wenn man aber derzeit an einem Wochenende mit der Bahn unterwegs ist – noch dazu jetzt zur Ferienzeit – wünscht man sich hingegen, dass die Bahn erst einmal die Fahrgäste pünktlich und mit einem gewissen Maß an Komfort ans Ziel bringen würde, die sie aktuell schon befördert.



Wie eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen bis 2030 gelingen soll, ist mir schlichtweg ein Rätsel. Ein aktueller Bericht der Monopolkommission hat eben erst wieder darauf hingewiesen, welche Qualitätsmängel der deutsche Schienenverkehr hat und welcher Aufholbedarf bei der Infrastruktur besteht. Dazu fehlt es fast überall an Lokführern, weshalb beispielsweise in Niedersachsen zahlreiche Zugfahrten ausfallen, es fehlt an rollendem Material, siehe Abellio in den Stuttgarter Netzen und das Schienennetz ist teilweise so marode, dass man schon Zughalte ausfallen lassen muss, um den Fahrplan einhalten zu können, wie das Verkehrsministerium in Stuttgart bei der Donautalbahn kritisiert hat.

Diese Liste ließe sich mühelos verlängern. Nimmt man noch den verbesserungswürdigen Zustand vieler Bahnhöfe hinzu – bei denen man sich angesichts der drangvollen Enge ebenfalls fragt, wie sie die künftigen Massen an Fahrgästen überhaupt bewältigen wollen, erscheint mir eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen bis 2030 – immer vorausgesetzt, diese Fahrgäste sollen auch halbwegs menschenwürdig an ihr Ziel gebracht werden – in etwa so wahrscheinlich wie dass Borussia Mönchengladbach bis dahin dreimal die Champions League gewinnt.

Freuen würde ich mich über beides, für sehr wahrscheinlich halte ich weder das eine, noch das andere – wobei, im Fußball ist ja angeblich alles möglich.

Thomas Burgert


Kategorie: Editorial