Nicht für umme

Gerade zu Pfingsten gab es landauf, landab einige Gratis- oder X-für-1-Aktionen von Verkehrsverbünden und Verkehrsunternehmen, als Angebot, vermehrt den ÖPNV zu nutzen oder diesen überhaupt erst einmal kennenzulernen. Solche zeitlich begrenzten Aktionen sind als Anreiz sinnvoll und schaden dem Ansehen des ÖPNV nicht – befördern dieses eher noch.



Kritisch zu sehen sind hingegen Forderungen nach einem »gratis«, also umlagefinanzierten ÖPNV. Was nix kostet, ist auch nix, und genauso wie die Fahrgäste weniger Wertschätzung empfinden würden, würden sich auch die Verkehrsbetriebe weniger Mühe um den Fahrgast geben – wo bliebe da die Innovationsbereitschaft?

Neuer Fürsprecher eines gänzlich fahrscheinfreien ÖPNV ist der kürzlich gegründete Berliner Verein »Mein Nulltarif«. Analog zur Aktion »Grundeinkommen« wird per Crowdfunding Geld eingesammelt, welches in einer Verlosung an Bewerber für den Kauf eines Jahresabos, bundesweit und unabhängig vom Verkehrsverbund, ausgeschüttet wird – eine Verlosung alle 1000 gesammelte Euro. Damit möchte man ein Statement setzen und ÖPNV zum Nulltarif »erlebbar machen«.

Die Betonung liegt hier auf »erlebbar machen«, denn selbst der Initiative ist klar, dass es Gratis-ÖPNV nicht gibt, sondern für ein einzelnes Jahresticket viele Gönner den Geldbeutel aufmachen müssen. Seit Start der Initiative kam innerhalb einer Woche erst ein gutes Fünftel eines Jahresabos zusammen, bis zur ersten Jahreskarte dauert es also noch. Stellt sich die Schwarmfinanzierung als Rohrkrepierer heraus, könnte sich der Verein zu »Mein EBE« umbenennen, um Ausschüttungen in 60-Euro-Intervallen vornehmen zu können.

Aber ernsthaft, »Gratis«-ÖPNV ist doch ein furchtbares Konzept. Mit Forderungen nach einer verursachergerechten Finanzierung der Verkehrskosten (CO2, Luftverschmutzung, Raumnutzung), wie die Idee einer City-Maut, welche dem ÖPNV zugutekommt, kann ich mich eher anfreunden. Die Frage muss also lauten, wie man neue Finanzierungsquellen für den dringend benötigten ÖPNV-Ausbau erschließt, und nicht, wie einzelne Nutzergruppen weniger bezahlen könnten.

Sebastian Glinski


Kategorie: Editorial